GZA - Liquid Swords Cover - Beitragsbild

GZA „Liquid Swords“ • 25 Jahre

Ein legendärer Hip-Hop-Klassiker feiert heute sein Jubiläum. Vor genau 25 Jahren, am 7. November 1995, hat GZA/Genius sein bekanntestes Werk veröffentlicht: Liquid Swords. Es war seine bereits zweite Soloveröffentlichung, allerdings die erste als Teil des Wu-Tang Clans. Mittlerweile hat das Album in den USA Platinstatus erreicht und gilt allgemein als eine DER Hip-Hop-Platten der 90er. Das Rolling Stone Magazin führt es z.B. in seiner Liste der 500 besten Alben, die jemals gemacht wurden.


Vorab: Ich bin exakt 141 Tage nach Erscheinen des Albums geboren worden. Den damaligen Kontext und die unmittelbare Rezeption hab ich erfolgreich verpasst. Mein Zugang zu dem Album kam erst Jahre später, als ich anfing mich für amerikanischen Hip-Hop zu interessieren.

Bei einem wahllosen CD-Einkauf vor knapp zehn Jahren stolperte ich über das Cover, das mich auf eine Art in den Bann gezogen hat. Bei einem Preis von 4,99€ war mir egal, dass ich zu dem Zeitpunkt keinen einzigen Song kannte. Dieser Kauf stellte sich, zuhause angekommen, als Volltreffer heraus – ich war geflashed von der Musik, die ich hörte. Über dieses Album begann ich mich für den gesamten Clan zu interessieren. Quasi mein Enter the Wu-Tang-Moment.

Wu-Tang Clan_2014 - Pressefoto - WarnerMusicGroup
Der Wu-Tang-Clan 2014 (Foto: Warner Music Group)

Aber was macht Liquid Swords so besonders? Was macht das Album aus, dass es gleichermaßen bereits ’95 zum Release gefeiert wurde, aber auch Jahre später neue Hörer wie mich in seinen Bann zieht? Auch heute noch sind monatlich Millionen von Menschen auf dem Spotify-Profil von GZA unterwegs, die meisten davon vermutlich wegen dieses Albums. Woher kommt diese Zeitlosigkeit?


Das Cover

Martial Arts, Wu-Tang-Krieger, abgetrennte Köpfe, das Schachbrett auf dem alles stattfindet – die düstere Stimmung des Albums beginnt schon beim Cover. Ich habe selten ein Cover gesehen, dass die Inhalte eines Albums so gut einfängt.

Credit, where credit is due: Das Albumcover ist von Denys Cowan designed worden. Die zugehörige Firma Milestones Media hat vor allem Comics erstellt, die durch den Comic-Giganten DC verbreitet wurden. Die GZA-Version des Wu-Tang-Logos auf dem linken Ärmel kommt von Wu-DJ Mathematics (genauso wie das Wu-Tang-Logo an sich).


Die zeitliche Einordnung

Bereits 1991 hatte GZA sein (wenig beachtetes) Albumdebüt gegeben. Damals noch unter dem Namen The Genius veröffentlichte er Words from the Genius, allerdings mit mäßigem Erfolg. Die unglückliche Zusammenarbeit mit seinem damaligen Label Cold Chillin‘ Records ist übrigens auch ein Grund für die Entstehung des Songs Labels.

Track 6: Labels (ft. RZA)

Nach dem riesigen Erfolg des Wu-Meilensteins Enter the Wu-Tang (36 Chambers) aus 1993 veröffentlichten die Clan-Member nach und nach ihre Soloreleases: Method Man begann mit Tical, es folgte Ol‘ Dirty Bastard (RIP!) mit Return to the 36 Chambers: The Dirty Version. Der Sommer ’95 gehörte Raekwon und seinem Album Only Built 4 Cuban Linx, bevor Liquid Swords einige Monate später released wurde. The Genius nannte sich mittlerweile GZA/Genius und droppte trotz der starken Alben davor eins der denkwürdigsten Alben aus dem Wu-Tang-Universum.


Die Produktion

Die Produktion auf dem Album war wie immer Chefsache: Alle 12 originalen Tracks des Albums sind vom RZA produziert worden. Der Bonustrack B.I.B.L.E. (Basic Instructions Before Leaving Earth), produziert von 4th Disciple, stellt die einzige Ausnahme dar. Insgesamt ist es ein harter Boom bap-Sound, der den düsteren Grundton des Albums festlegt.

Knarzende Synthesizer und Samples von Soul-Alben aus den 70ern treffen auf knallende Kicks und Snares. GZAs Eindruck von den Beats beim ersten Hören spricht uns allen aus der Seele: „I loved them. A lot of them had a grimy, rock-like feel to them. I just remember absolutely loving them.“ (Quelle: WaxPoetics-Interview)


Die Tracks

Das Prinzip All Killer, No Filler wurde auf Liquid Swords definitiv umgesetzt. Jeder Song für sich stehend ist, von meiner Seite aus, mindestens eine 8/10. Shadowboxin‘, Liquid Swords und Living In The World Today stehen ganz oben in meiner Liste. GZAs eigener Lieblingstrack ist laut dem WaxPoetics-Interview übrigens Duel of the Iron Mic.

Die vier Singles des Albums waren I Gotcha Back, Liquid Swords, Cold World und 4th Chamber (mit Shadowboxin‘ als B-Seite). Sie kamen jeweils mit einem Video, in denen der MC selber als Regisseur tätig wurde (Quelle: SPIN-Interview).

Track 7 & 8: Shadowboxin‘ (ft. Method Man) und 4th Chamber (ft. Ghostface Killah, Killah Priest, RZA)

Und auch wenn es die eigentliche Track-Reihenfolge damals schwerer zu durchschauen gemacht hat: Die Anordnung der Lieder auf dem Backcover des Albums ist der Wahnsinn. Die Titel der Songs wurden durch Sätze ergänzt und zusammengefügt, sodass sie eine Geschichte ergeben.

Tracklist von Liquid Swords

Die Lyrics

GZA trägt seinen Beinamen Genius nicht ohne Grund. Er hat vielleicht nicht den kreativen Weitblick eines RZA oder die Popularität eines Method Man. In Sachen Vokabular ist er aber ohne Zweifel an vorderster Stelle im Clan.

Eine Studie, die 2019 den Wortschatz der populärsten amerikanischen Rapper untersucht hat, platzierte GZA auf Rang 4. 6390 unterschiedliche Wörter in seinen ersten 35.000 Lyrics stehen zu Buche. Das sind fast 400 mehr als der zweitplatzierte Clan-Member RZA.

Auf Labels ist dieses lyrische Talent z.B. gut zu verfolgen: Er droppt zahlreiche Labelnamen in doppeldeutigen Wortspielen und rechnet ganz nebenbei mit der Welt der Labels ab. Swordsman als der einzige Track, auf dem GZA alleine zu hören ist, ist ebenfalls ein gutes Beispiel für das lyrische Talent des Genius.

Track 11: Swordsman

Die Atmosphäre

Das Album ist nochmal düsterer, als die ohnehin schon harten Wu-Tang-Alben. Es scheint nicht ohne Grund zu Beginn des einsetzenden Winters veröffentlicht worden zu sein. Die Straßenberichte aus Staten Island sorgen gemeinsam mit den Instrumentals aus RZAs Kellerstudio für eine dunkle Atmosphäre. Bei mir persönlich läuft beim Hören immer ein Film vor dem inneren Auge ab. Track Nr. 5, Cold World, stellt den transportierten Vibe des gesamten Albums mit dem Titel klar.

Track 5: Cold World (ft. Inspectah Deck & Life)

Die Vermischung von Film und Musik

Seine Beschreibung zum Verhältnis von Film und Rap liefert der GZA im SPIN-Interview: „Well, film is a visual thing, you know? And rap is a visual language. It’s about creating the most visual rhyme you can create because when someone is listening they have to be able to draw pictures in their own head. You just strive to make the rhyme as visual as possible. You want to make it cinematic.“

Die cinematische Note wird durch die breite Einstreuung von Filmsamples aus Martial-Arts-Streifen noch verstärkt. Synchrongesprochene Kung-Fu-Filme aus Asien sind bekanntermaßen eine Vorliebe vom RZA. Im Zusammenspiel mit Instrumentals und Texten wirken die Einspieler beinahe so, als ob sie für das Album entworfen wurden.

Fun Fact: Den primär gesampleten Film Shogun Assassin aus 1980 hat GZA erst nach der Veröffentlichung des Albums gesehen (Quelle: WaxPoetics-Interview)


Der Stellenwert

Overall, I mean, c’mon! RZA’s atmospheric production? Yes. It’s my best album.“ Sogar der eher zurückhaltende GZA muss im Interview zugeben, dass er mit Liquid Swords abgeliefert hat. Keins seiner Alben danach hat es noch einmal mit dem Stellenwert seines zweiten Werks aufnehmen können. Auf Konzerten sind die Fans bei Songs dieses Albums am textsichersten. Beim NPR Music Tiny Desk Concert sind alle drei Songs aus diesem Album ausgewählt worden.

GZA & The Soul Rebels beim NPR Music Tiny Desk Concert, 2018

Auch bei uns ist Liquid Swords nach wie vor ein Dauerbrenner. Einzelne Tracks hörst Du bei say say • soulful hip-hop radio natürlich immer mal wieder. Es bleibt nur zu sagen, dass dieses Album von vorne bis hinten rund ist und seinen Klassikerstatus verdient hat. Und ich bin froh, dass ich damals zufällig das richtige Album mit nach Hause genommen habe.



Autor: Matthi (Mostdope)

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